Das Wichtigste am Leben ist der Tod.
Sterben zu können ist eine exklusive Fähigkeit des Lebendigen. Wer nicht weiß, dass er sterblich ist, der dämmert durch sein Leben. Nur das echte Wissen um den Tod macht den Menschen lebendig.
Leider hat nicht jeder die Möglichkeit in eine Lebensgefahrsituation zu kommen, obwohl unser Leben voll davon ist. Wie oft ist es nur dem Zufall zu verdanken, dass ein Auto dich nicht überfährt? Dein Flugzeug nicht abstürzt? Dass du doch nein gesagt hast zu dem Mann mit dem Virus?
Meditiere über deinen Tod. Visualisiere jeden Morgen eine Todesart.
Ertrinke, werde erschossen, erstochen, falle von einem Hochhaus, fasse an eine schlecht gesicherte Stromleitung, verdämmere als Kassenpatient in einem Krankenhaus und Krebs, werde erhängt, vergast, tot geschlagen, gekreuzigt, mit der Giftspritze oder auf dem Schafott hingerichtet, verliere den Kopf durch das Schwert, das Beil, die Guillotine, werde überfahren, verblute, löse dich in Säure auf, werde von Kannibalen aufgegessen, lass deinen Fön in die Badewanne fallen, stürze von einer Leiter, falle in einen offenes Schwert, werde von einer U-Bahn überrollt. Stelle dir vor wie du von Löwen gefressen, von einer Kobra gebissen und von einer Python gewürgt wirst. Meditiere über das einsame Sterben in der Wüste ohne Wasser, eingemauert in einem Keller, lebendig begraben in der kühlen Erde. Eine Schlinge wurde um deinen Hals geworfen. Sie zieht sich zusammen, stranguliert dich. Du zerrst an deinen Fesseln. Mit aller Gewalt schnappt dein Maul nach Luft. Vergeblich – kein Ton geht raus, keine Luft kommt herein. Deine Blase entleert sich. Die Angst betäubt den Schmerz aber nicht die Scham und das Herz rast seinem Ende entgegen.
Du verblutest innerlich an Ebola, liegst in der Leprahöhle unter dem Palast, nackt unter der Dusche aus dutzend Messerwunden blutend oder lodernd auf einem Scheiterhaufen, mit tausend gebrochenen Knochen auf das Rad geflochten, Raben picken das erste Fleisch, von den Geiern gefressen, stundenlanges Sterben am Marterpfahl, unter größten Qualen, als lebendige Fackel bei einem Fest Neros, an Kreuz genagelt in der Hitze des Sommers, lass dich vom Sumpf verschlucken, mit Kettensägen in Stücke schneiden, erfriere betrunken am Straßenrand in Berlin oder in der arktischen Eiswüste, werde von Erdbeben verschlungen, versinke mit einem riesigen Schiff im Atlantik, werde von Piraten über Bord geworfen, von Haien zerfetzt. Der dünne Draht der Garotte schneidet in deinen Hals, nachts am Steuer eingenickt – eine Sekunde reicht schon, ins Eis eingebrochen.
Harmlos beginnt es mit ein wenig Fieber, das dann steigt. Blaue Flecken zeigen an, dass das Blut die Adern verlässt und im Körper frei umher zu fließen beginnt. Die Nieren schmerzen als würden sie ausgewrungen wie ein nasses Handtuch. Dann Erbrechen: in krampfartigen Schüben drängt eine blutige, stinkende Masse heraus, zäh und von Bröckchen durchsetzt. Blut auch im dünnflüssigen Stuhl. Die Leber stellt die Arbeit und schmerzt als steckte ein Messer darin. Aus allen Löchern läuft Blut heraus. Die Haut wird durchlässig und hält die Körperflüssigkeiten nicht mehr. Lähmungen ergreifen immer größere Teile des Körpers. Du versinkst in einen Dämmer und gleitest dann in das andere Leben wie ein Boot, das vom festen Ufer ins Wasser geschoben wird und schließlich auf den Wellen davon gleitet.
Du wirst bei lebendigem Leib in kleine Stücke geschnitten, von einem Heckenschützen heimtückisch ermordet, mit einem Gürtel erwürgt, mit einem Kissen erstickt, mit einer Flasche, mit einem Hammer, einer Axt, einer Schaufel, einer Hacke, einem Bleirohr, einem Brecheisen, Keule, Hockeyschläger, Nudelholz, Wagenheber, erschlagen. Mit einem Schraubenzieher erstochen, aus dem Fenster geworfen. An Alzheimer erloschen, vom Lungenkrebs zerfressen, am eigenen Körperfett erstickt, an Leberzirose verendet; vom umstürzenden Baum erschlagen, vom Horn eines Stiers tödlich verletzt, bei einem Fliegerangriff verschüttet, von einer Handgranate zerfetzt, von Dumdum-Geschossen getroffen, versehentlich erschossen an einem Kontrollpunkt der türkischen Armee, gelyncht vom KuKluxKlan, am Wundbrand krepiert, in die ewigen Jagdgründe eingegangen, Heim gegangen, verschieden, vom Schnitter geholt, zur Hölle gefahren, viel zu früh, nach einem erfüllten Leben, nach einer gelangweilten, verdämmerten Existenz endlich das Sofa mit dem Sarg getauscht - verschwendetes Fleisch, weggeworfene Jugend, überflüssige Schönheit, sinnlos hoch entwickeltes Nervensystem, untröstlich, in tiefer Trauer, von Beileidsbekundungen am offenen Grab bitten wir abzusehen.
Jeden Tag ein Tod macht dich lebendig. Fange jetzt damit an!